Enormer Handlungsbedarf!

Überspitzt formuliert, "produziert" die Lebensform in unserer Gesellschaft geradezu psychische Überlastungssituationen, die vielfältige Folgen nach sich ziehen. Das betrifft Kinder  und Erwachsene gleichermaßen.

Eine Studie von WIFO (Wirtschaftsforschungsinstitut) und Donauuniversität Krems im Auftrag der Arbeiterkammer hat errechnet, dass die Folgen psychischer Erkrankungen die Österreichische Wirtschaft jährlich 3,3 Mrd. € kosten.

Besonders hohen Einfluss haben hierbei Phänomene in der Arbeitswelt, die auf die so genannte Globalisierung zurückzuführen sind.

Es sind dies (Quelle. Jahrestagung 2013 der Österr. ges. f. Bipolare Erkrankungen, Referat Prof. Lenz):

  • Projektarbeitsplätze – hier werden vornehmlich junge Menschen „auf Zeit“ beschäftigt, ohne je eine reale Chance auf einen stabilen Arbeitsplatz zu bekommen.
  • Arbeitsplätze mit „Dauerreichbarkeit oder „Dauerbereitschaft“
  • Arbeitsplatzunsicherheit (Hire & Fire-Mentalität)
  • Permanenter Wettbewerb am Arbeitsplatz bei hohem Konkurrenzdruck
  • Arbeitsverdichtung (steigendes Arbeitsvolumen bei sinkender Personalzahl)
  • Zeitarbeit
  • Leiharbeit
  • Befristete Arbeitsverträge
  • Abbau des Kündigungsschutzes
  • Sinnlose „Umschulungen“
  • u.a.mehr

Hier einige offizielle Daten aus der WHO (Weltgesundheitsorganisation)

  • Psychische Störungen nehmen weltweit zu: Depression, Angst & Alkohol
  • Jeder 4. Mensch min. einmal im Leben psychisch krank oder psychische Krise
  • 10%-15% aller ÖsterreicherInnen haben Depressionen
  • 2015 werden psychische Überlastungsstörungen in den industrialisierten Ländern bei Frauen alle anderen Krankheiten an Häufigkeit übertreffen!

Hauptverband Österreichischer Sozialversicherungsträger: 

  • 900.000 Menschen nahmen 2009 wegen psychischer Erkrankungen das Gesundheitssystem in Anspruch – GLEICHZEITIG SEHR HOHE DUNKELZIFFER UNBEHANDELTER BETROFFENER!

Berliner Altenstudie: 

  • 20-35% der über 70jährigen haben  Depressionen 

Österr. Ges. f. Kinder & Jugendpsychiatrie (2011):

  • 21,6% aller im Alter von 7 - 18 Jahren zeigen psychische Auffälligkeiten
  • bei 9,6% besteht akuter Behandlungsbedarf


Weitere Daten aus Fortbildungsveranstaltungen 2013

  • Psychische Überlastungsstörungen sind bereits die Ursache Nr.1 für Frühpensionen


Hier derLink zu einer aktuellen Deutschen Studie (DEGS = Deutsche Erwachsenen Gesundheits Studie) zur psychischen Gesundheit =>link

  • Untersucht wurde die so genannte 12-Monatsprävalenz (= Auftreten während der letzten 12 Monate)
  • Spezifische Unrerschiede zeigten sich bei der Analyse von Frauen und Männern
  • 34% aller Frauen waren demnach während der letzten 12 Monate von Angsst oder Depression betroffen.
  • 28,1% der Männer von Angst oder Alkoholabusus (Substanzabhängigkeit)
  • Weiters fand die Studie heraus, dass nur 1/3 der Betroffenen Behandlungseinrichtungen aufsuchten. Damit sind 2/3 gänzlich unversorgt. Eine Situation, die die Chronifizierung psychischer Störungen enorm begünstigt.


Ergänzend ein Text der Plattform www.gesundearbeit.at

Psychische Belastungen (Quelle: www.gesundearbeit.at)

Immer mehr ArbeitnehmerInnen klagen über arbeitsbedingte psychische Belastungen. Stressfaktoren stören das Gleichgewicht, kosten Energie und beeinträchtigen das Wohlbefinden. Stress ist kein Einzelschicksal, sondern stellt für die meisten Menschen eine Belastung dar.

Fehlbeanspruchung durch Stress bremst nicht nur die Produktivität und stört das Wohlbefinden, sondern kann auch krank machen. Mit den Veränderungen in der Arbeitswelt haben sich auch die krankmachenden Faktoren in der Arbeit verändert. Mittlerweile ist anerkannt, dass psychische Erkrankungen als Folge von Arbeitsbelastungen auf dem Vormarsch sind.

Um die psychischen Krankmacher in der Arbeit zu erfassen und erstmals deren Kosten für die Gesamtwirtschaft festzumachen, hat die Arbeiterkammer Wien die Studie „Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen“ beim Wirtschaftsforschungsinstitut und der Donauuniversität Krems in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse zu den psychischen Folgen der Arbeitsbelastung liegen vor:

  • Beschäftigte ohne arbeitsbedingte Belastungen weisen nur 0,8 Tage krankheitsbedingter Arbeitsausfälle auf, aber 3,3 Ausfallstage sind auf arbeitsbedingte psychische Belastungen zurückzuführen und schon knapp 6 Ausfalltage sind es beim Zusammentreffen psychischer und physischer Belastungen.
  • 32% aller Neuzugänge der Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspensionen erfolgt aus psychischen Gründen.
  • Psychiatrische Krankheiten steigen enorm an und sind bereits an dritter Stelle bei der Anzahl der Krankenstandstage. Sie liegen damit schon vor den Arbeitsunfällen (siehe Tabelle Veränderung Krankenstandstage 1994 zu 2009).
  • Krankenstände aufgrund arbeitsbedingter psychischer Belastungen dauern länger und die gesamtwirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf rund 3,3 Milliarden Euro jährlich.


Krankheitsgruppen

1994

2011

Veränderung absolut

Veränderung in %

insgesamt

40.211.000

39.977.000

- 234.000

- 0,6

Arbeitsunfälle (ohne Wegunfälle)

3.585.000

2.420.000

- 1.165.000

- 32,5

Psychiatrische Krankheiten

1.063.000

3.070.000

+ 2.007.000

+ 188,8

Quelle: Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, Krankenstandsstatistik 1994 und 2011


Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, verbunden mit starken Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen. Arbeiteten in den 70er Jahren die Beschäftigten jeweils zur Hälfte in Industrie und Gewerbe sowie im Dienstleistungssektor, so hat sich das bis heute verschoben. Aktuell arbeiten bereits rund zwei Drittel der Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Die Psyche der Beschäftigten wird bei weitem stärker und intensiver beansprucht als noch vor einigen Jahrzehnten.

.....

Psychische Belastungsfaktoren
800.000 erwerbstätige Österreicher (36%) und 490.000 Österreicherinnen (28%), insgesamt also 1,3 Millionen oder 32% der Erwerbstätigen waren zumindest einem psychischen Belastungsfaktor ausgesetzt. Neun von zehn der von psychischen Belastungen betroffenen Personen standen unter Zeitdruck, von allen erwerbstätigen Männern fühlten sich somit 33%, von den Frauen 24% in ihrem Arbeitsalltag gehetzt. Belästigung oder Mobbing wurde von 2,2% der Männer und 2,5% der Frauen und somit insgesamt von 93.000 Personen angeführt. 0,7% der Männer und 0,9% der Frauen litten am Arbeitsplatz unter Gewalt oder der Androhung von Gewalt.

Psychische Belastungen treten vor allem bei 37% der Selbstständigen und 35% der Unselbstständigen mit nicht-manuellen Tätigkeiten auf. Bei Unselbstständigen mit manuellen Tätigkeiten sind aber immer noch 29% davon betroffen. Personen mit hochqualifizierten Tätigkeiten sowie Erwerbstätige in freien Berufen wiesen die höchsten Prozentzahlen der durch Zeitdruck Belasteten auf (39% und 36%). Den geringsten Zeitdruck verzeichneten Hilfsarbeitskräfte (19%).



Aktuelle Daten zur Situation bei Kindern/Jugendlichen (Quelle ÖGKJP, Kongress 2013)  


Aktuelle Versorgungssituation

Derzeit stehen in Österreich für die insgesamt 258.000 Kinder und Jugendlichen, die eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung oder Beratung benötigen würden, im niedergelassenen Bereich nur 12 Kassenfachärzte zur Verfügung. Und auch im stationären Bereich gibt es in den meisten Bundesländern etwa nur die Hälfte der im österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) vorgesehenen Kinder- und Jugendpsychiatriebetten (Österreichische Ärztekammer, 13. 9. 2013).


Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen haben eine Lebenszeitprävalenz von 15 % und sind damit mindestens ebenso häufig wie viele chronische somatische pädiatrische Erkrankungen. Angesichts der aktuellen Versorgungsdefizite ein wichtiger Befund, betonte Dr. Martin Fuchs, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck.

In der BELLA-Studie, einer der wichtigsten epidemiologischen Studien im deutschsprachigen Raum, so Fuchs weiter, zeigten 22 % der fast 3000 untersuchten Kinder und Jugendlichen im Alter von 7 bis 17 Jahren „Hinweise“ auf psychische Auffälligkeiten, bei ca. 15 % waren diese auch mit tatsächlichen Beeinträchtigungen verbunden. In den großen US-amerikanischen NCS-A-Studien mit Stichproben von mehr als 10.000 Jugendlichen wurde sogar eine Einjahresprävalenz von 40 % und eine Punktprävalenz von über 20 % gefunden. Angststörungen sind die häufigsten Krankheitsbilder gefolgt von emotionalen, hyperkinetischen und aggressiv-dissozialen Störungen sowie Substanzproblemen. „Dieses Verteilungsmuster wird durch alle neueren Studien bestätigt. Außerdem gibt es einen hohen Anteil an Komorbidität. In den NCS-A-Studien haben 42 % der Jugendlichen zwei oder mehr Diagnosen.“

Zudem zeigen große epidemiologische Kohortenstudien, dass psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter mit einer ungünstigen Prognose verbunden sind. So ist das Risiko, auch im frühen Erwachsenenalter eine psychiatrische Erkrankung zu haben, dreifach erhöht, wobei es zwei Verlaufsmöglichkeiten gibt: Bei der „homotypic continuity“ verändert sich die Diagnose nicht (z. B. ADHS), bei der ‚heterotypic continuity‘ entwickeln sich juvenile Störungen zu anderen Erkrankungen (z. B. juvenile Sozialverhaltensstörungen zu Depressionen oder Angststörungen bzw. substanzbezogenen Störungen).

Österreichische Längsschnittstudie: 

Zur Situation in Österreich stellte Fuchs eine eigene Studie vor. Diese bisher einzige epidemiologische Längsschnittstudie verfolgte anhand von Katamnesedaten der TILAK die Entwicklung ehemaliger Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) in Tirol und untersuchte, ob diese später als Erwachsene wieder in der psychiatrischen Versorgungslandschaft auftauchten. Fast 1000 Patienten, die zwischen 1989 und 2007 an der KJP Innsbruck stationär aufgenommen waren, wurden eingeschlossen, wobei die Diagnosegruppen F4 (v. a. Belastungs-, Angst- und Zwangsstörungen) und F9 (v. a. emotionale und Sozialverhaltensstörungen sowie ADHS) mit zusammen fast 73 % am häufigsten waren. Der Anteil der F9-Diagnosen lag bei 38,3 %, F4 bei 34,6 %, F8 bei 5,7 %, F3 bei 5,2 % und F1 bei 4,5 %.

Mehr als ein Viertel (25,9 %) dieser ehemaligen KJP-Patienten, so die weitere Analyse, wurden später als Erwachsene wieder an einer der drei Tiroler psychiatrischen Kliniken (Innsbruck, Hall, Kufstein) stationär aufgenommen. Fuchs: „Diese Rate ist ein deutlicher Hinweis für die Chronizität und Wiedererkrankung und liegt wahrscheinlich noch um einiges höher, da Kontakte bei niedergelassenen Fachärzten nicht berücksichtigt wurden.“

Deskriptiv zeigte sich bei jugendlichen Störungen durch Substanzgebrauch die höchste Wiederaufnahmerate, ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Diagnosegruppen konnte aufgrund der Heterogenität aber nicht festgestellt werden. Unter den Fällen mit homotypem Entwicklungsverlauf der Diagnose waren substanzbezogene Störungen besonders häufig. Hinsichtlich der heterotypen Verläufe wurden im Erwachsenenalter insbesondere Übergänge zu substanzbezogenen, Anpassungs- und Angststörungen sowie auch – für Fuchs eher überraschend – zu Persönlichkeitsstörungen beobachtet.

 

Weiterführende Informationen:

Österr. Ges. f. Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP)

Information zu den Versorgungsstrukturen (pdf)


Liste der Abteilungen für Kinder/Jugenpsychiatire -  ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Wien

Universitätsklinik für Kinder- und JugendpsychiatrieUniversitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, A-1090 Wien, Währingergürtel 18-20,   Tel.: +43 1 40400 3012, email: pkj@meduniwien.ac.at

KH Rosenhügel: Neuropsychiatrische Abteilung f. Kinder u. Jugendliche,   1130 Wien, Riedelgasse 5, Pav. C, Telefon: (+43 1) 880 00 - 321,

Niederösterreich

Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 2371 Hinterbrühl, Fürstenweg 8, Tel.: 02236/204-7612

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Landesklinikum Tulln, Tel.: 02272/601-34620

Steiermark

Landes Nervenklinik Sigmund Freud, Graz: Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie; 8053 Graz, Wagner Jauregg Platz 1,  0316 / 2191-2532 kinderjugendpsychiatrie@lsf-graz.at

Oberösterreich

Wagner Jauregg Krankenhaus, Linz, Jugendpsychiatrische Abteilung, 4020 Linz, Wagner-Jauregg-Weg 15; EMail: JugendpsychiatrieSekr.wj@gespag.at;  T:05 055462-25101

Salzburg

Christian Doppler Klinik, Salzburg, Kinder und Jugendpsychiatrische Abteilung,  A-5020 Salzburg, Ignaz-Harrer-Str. 79,
 T: +43 (0)662 4483-4511; Email: kjp-Sekretariat@salk.at

Tirol

Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Innsbruck, 6020 Innsbruck; Anichstr. 35;            T: +43/512/504-23669

Kärnten

Klinikum Klagenfurt, A - 9020 Klagenfurt; Feschnigstraße 11, T +43 (0)463 538 22970, app.klagenfurt(at)kabeg.at

Vorarlberg - leider keine eigene Institution

Burgenland - leider keine eigene Institution

Aussagen gültig für den Erstellungszeitpunkt 5/2012